Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie in der Energiewirtschaft – Antworten auf die Digitalisierung finden

Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie in der Energiewirtschaft

Ein Gastbeitrag von Björn Broda, Mainova AG

Nachdem in anderen Branchen wie dem Einzelhandel, den Medien oder der Industrie die digitale Transformation bereits in vollem Gange ist, hat das Thema die Energiewirtschaft erreicht. Die unter dem Oberbegriff der Digitalisierung diskutierten Anwendungsbeispiele reichen von virtuellen Kraftwerken über gezieltes Kundenmanagement bis hin Automatisierung von Netzanschluss- oder Abrechnungsprozessen.

Verbindendes Element dieser Einsatzbereiche ist die Vernetzung von Anwendungen, Geschäftsprozessen sowie von Geräten unter Anwendung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Doch auch wenn die Branche die Bedeutung der Digitalisierung als Top-Thema erkannt hat, fehlt es häufig auf Unternehmensebene an einer umsetzungsorientierten Digitalisierungsstrategie, um die Potenziale zu heben. Die Digitalisierung der Energielandschaft wird dennoch stattfinden, die Frage ist nur, welche Rolle die traditionellen Energieversorger und Stadtwerke dabei spielen werden.

Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie

Am Anfang der Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie steht die Analyse der eigenen Branche und die Prognose, wie schnell und wie stark es zu Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette kommen wird. Erfahrungen aus anderen digitalisierten Branchen zeigen, dass die Veränderungsgeschwindigkeit häufig unterschätzt wird.

Für die Energiewirtschaft ergibt sich ein differenziertes Bild. Einerseits wechseln die meisten Strom- und Gaskunden ihren Anbieter bereits heute online. Energiebörsen wie Verivox oder Check24 sorgen dabei für Preis- und Leistungstransparenz. Auch der Energieeinkauf und –handel erfolgt hochautomatisiert. Andererseits bestehen im Bereich der internen Prozesse noch deutliche Digitalisierungspotenziale. Neben Onlinekanal und Prozessautomatisierung eröffnen sich technologisch auch völlig neue Steuerungs- und Produktmöglichkeiten.

Die Digitalisierungsstrategie beschreibt daher ein unternehmensindividuelles digitales Zielbild mit einer mittel- bis langfristigen Perspektive sowie eine digitale Agenda, mit welchen Prioritäten und Einzelmaßnahmen dieses Zielbild konkret erreicht werden soll. In diesem Zusammenhang ist zu klären, wie im bestehenden Geschäftsmodell die Geschäftsprozesse durch die Digitalisierung weiterentwickelt werden können oder sogar neue Geschäftsmodelle entwickelt werden müssen, um den Kundenbedürfnissen besser zu entsprechen.

Priorität 1: Digitale Kundenschnittstelle

Da die bestehende Kundenbeziehung ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Stadtwerke und Regionalversorger ist, sollten die Bemühungen um die Besetzung und Entwicklung der digitalen Kundenschnittstelle intensiviert werden. Die Kunden der Energieversorger erleben seit Jahren eine steigende Servicequalität in stärker digitalisierten Branchen wie dem Einzelhandel oder Tourismus. Durch die Übertragung dieser Erfahrungen steigen an der Kundenschnittstelle die Erwartungen an 24stündige Verfügbarkeit und kostenlose Services bei gleichzeitig hoher Benutzerfreundlichkeit und personalisierter Ansprache. Wichtige Anwendungen sind daher insbesondere Online-Marketing, elektronische (transparente) Abrechnung, Customer Self-Service Portale, der Einsatz von Social Media für integrierte Kommunikationskampagnen, die individualisierte Kundenansprache oder mobile Apps für Endkunden.

Priorität 2: Prozessoptimierung und -automatisierung

Während die digitale Kundenschnittstelle den Energieversorger digital „aussehen“ lässt, kann er erst durch die Vernetzung mit automatisierten Geschäftsprozessen digital „sein“. Im Bereich der Prozessoptimierung und –automatisierung lassen sich mithilfe digitaler Lösungen Geschäftsprozesse effizienter gestalten oder deren Qualität steigern. Potenziale bestehen insbesondere in Massenprozessen wie der Abrechnung oder dem Forderungsmanagement sowie der Netzsteuerung. Auch der Einsatz von Business Analytics für die Auswertung von Sensordaten aus Kraftwerken und Netzen kann der Optimierung von Wartung und Instandhaltungsarbeiten dienen („Predictive Maintenance“).

Priorität 3: Neue Geschäftsmodelle

Die digitalen Anwendungen an der Kundenschnittstelle und im Bereich der internen Prozesse entwickeln das bestehende Geschäftsmodell der Energieversorger weiter, verändern jedoch grundsätzlich nicht die Wertschöpfungskette und –tiefe. Durch den exponentiellen Anstieg auslesbarer Daten entstehen dagegen auch neue energienahe Geschäftsmodelle. Während traditionelle Energieversorger bisher noch zurückhaltend sind, haben sich viele Start-ups mit datenbasierten Lösungen für die Vernetzung von dezentralen Anlagen in Form virtueller Kraftwerke, für Energiemanagement und –effizienz sowie zur intelligenten Haussteuerung (Smart Home) am Markt etabliert.

IT in die Strategieentwicklung integrieren

Aus der Verbindung von strategischer, prozessualer und systemseitiger Sicht wird deutlich, dass die Umsetzung der Digitalisierung kein Einzelthema eines Fachbereichs oder der IT-Abteilung ist, sondern es sich um eine unternehmensübergreifende Aufgabe handelt. Da sich hierzu die IT zum zentralen Erfolgsfaktor entwickelt, sollte der Einsatz der IT nicht als rein unterstützendes Element der Unternehmensstrategie verstanden werden, sondern in die strategische Planung und –umsetzung integriert werden.

Zum Autor:

Björn BrodaBjörn Broda leitet seit 2012 die Abteilung Unternehmensstrategie und M&A Projekte bei der Frankfurter Mainova AG. Zuvor war der studierte Betriebswirt in den Bereichen Konzernstrategie, Planung und Controlling für den E.ON Konzern tätig.

Björn Broda bei XING und LinkedIn.

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