Orientierung im Digitalisierungs-Dschungel

Energiesystem, Orientierung

Ein Gastbeitrag von Sven Krauter, Fontin & Company GmbH

Die Digitalisierung der Energiewirtschaft ist aktuell eines der meist diskutierten Themen der Branche. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendeine Messe, Konferenz oder Publikation sich damit beschäftigt. Und beinahe jeder Verantwortliche eines Stadtwerks oder kommunalen Unternehmens hat die Digitalisierung inzwischen auf seiner Agenda stehen. Häufig jedoch fehlt den Entscheidern die Orientierung im Digitalisierungs-Dschungel, ausgelöst durch ein noch weitgehend unklares Verständnis des Themas und eine Fülle unterschiedlichster Meinungen und Ansätze.

Die eigene Standortbestimmung als erster Schritt zu mehr Klarheit

Um sich in diesem Dschungel zurechtzufinden, gilt es zuerst einmal, den eigenen Standort zu bestimmen. Für Stadtwerke und kommunale Unternehmen stellen sich hierfür folgende konkrete Fragestellungen:

  • Was bedeutet der Digitalisierungsfortschritt überhaupt? Welche Aspekte umfasst er?
  • Welchen Nutzen kann die Digitalisierung bieten und auf welchen Ebenen?
  • Welches sind unsere angestammten Geschäftsfelder? Wo erwarten wir zukünftige Wertschöpfung und Geschäftsmodelle?
  • Welche Auswirkungen kann die Digitalisierung auf unsere künftige Wertschöpfung haben?
  • Wie müssen Prozesse, IT & Systeme und die Organisation in Zukunft ausgestaltet werden?

Zahlreiche Studien und Publikationen versuchen, eine Antwort darauf zu geben, doch einen allgemeingültigen Ansatz gibt es nicht. Daher führt für die betroffenen Unternehmen kein Weg daran vorbei, sich selbst intensiv und strukturiert mit dieser Standortbestimmung auseinanderzusetzen.

Eine Erkundung des Umfelds zeigt mögliche Wege aus dem Dschungel

Digitalisierungsansätze gibt es viele, doch nicht an allen Stellen eines Unternehmens sind sie sinnvoll. Eine einseitige Fokussierung, z.B. ausschließlich getrieben aus der IT-Sicht, kann Führungskräfte und Unternehmen schnell zum Opfer der Digitalisierung werden lassen.

Um dies zu verhindern und die richtigen Hebel zu finden, sollten immer die Geschäftsanforderungen den Ausgangspunkt bilden, beginnend mit der Frage nach der Wertschöpfung und dem Geschäftsmodell. Dabei sind die bisherige Wertschöpfungskette zu hinterfragen und (noch) funktionierende Geschäftsmodelle zu validieren. Vor dem Hintergrund einer veränderten strategischen Bedeutung einzelner Elemente der Wertschöpfung können dann Optionen zur Positionierung in der künftigen Wertschöpfungskette erarbeitet und neue Geschäftsmodelle identifiziert werden.

Sind die Fragen zu Wertschöpfung und Geschäftsmodellen geklärt, müssen die dafür erfolgskritischen Prozesse bzw. Prozessketten identifiziert werden. Hieraus ergibt sich häufig schon ein erster Handlungsbedarf in der Veränderung bestehender oder der Entwicklung neuer Prozesse. Darüber hinaus ist das Digitalisierungspotential der künftig notwendigen Prozesse zu überprüfen.

An dieser Stelle schließt sich die Analyse der IT- und Systemunterstützung an. Zuerst einmal ist die bestehende Systemlandschaft zu durchforsten. Anschließend kann der Wertbeitrag dieser Systeme in Abhängigkeit der künftigen Wertschöpfung bzw. Geschäftsmodelle beurteilt werden. Auf dieser Basis ergibt sich ein Bild, welches die strategisch wichtigen Felder für IT-Unterstützung sind und welche Anpassungen vorgenommen werden müssen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Auswirkung der Digitalisierung auf die Organisation. Ausgehend von den aktuell vorhandenen Kernkompetenzen und Fähigkeiten müssen die zukünftig benötigten Fähigkeiten identifiziert werden, um neue Wertschöpfung und Geschäftsmodelle überhaupt realisieren zu können. Und auch ein Review der eingesetzten Strukturen und Methoden ist notwendig. Denn was nutzen die besten „Digital natives“ in einer Umgebung mit veralteten Führungsmethoden und einem analogen Innovationsmanagement?

Die Bewertung der Optionen führt Unternehmen auf den richtigen Weg

Um nun den richtigen Weg aus dem Digitalisierungs-Dschungel zu finden, ist eine strukturierte Beurteilung der unterschiedlichen Optionen notwendig, ausgehend von den strategischen Geschäftspotenzialen und entlang der oben beschriebenen Aspekte. Ziel ist die Identifikation von bewerteten Handlungsoptionen für Digitalisierungsmaßnahmen, mit denen Unternehmen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil erlangen können. Bei einem solchen Vorgehen sind folgende Erfolgsfaktoren zu beachten:

  • Ganzheitliche Sicht ohne ausschließliche Fokussierung auf die IT: Ausgangspunkt des Vorgehens sollten die (strategischen) Geschäftspotenziale sein. Gleichzeitig müssen IT-technische Innovationen berücksichtigt werden, die als Enabler für Geschäftspotenziale dienen können
  • Anwendung eines strukturierten Pipelineprozesses zur Sicherstellung einer ausreichenden Breite der Themen und der notwendigen Tiefe bei der Bewertung möglicher Ansatzpunkte
  • Realistische Einschätzung eigener Fähigkeiten im Hinblick auf die künftige Positionierung in der Wertschöpfungskette und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle
  • Ausgewogene Mischung aus externem Methoden- und Branchen-Know-how und internem Experten-Wissen

Zum Autor:

Sven KrauterSven Krauter ist Principal bei der Unternehmensberatung Fontin & Company in München. Er unterstützt EVU, Stadtwerke und kommunale Unternehmen bei strategischen Fragestellungen, deren Umsetzung auf der operativen Ebene und den hierfür notwendigen Veränderungsprozessen.

2 Gedanken zu „Orientierung im Digitalisierungs-Dschungel“

  1. Vollkommen richtig, insbesondere energybeats liefert regelmäßig interessante Impulse. Aus zahlreichen Gesprächen entsteht bei mir trotzdem der Eindruck, dass vielen Unternehmen noch die Orientierung fehlt, um das Thema Digitalisierung für sich einzuordnen und die passenden Hebel in Bewegung zu setzen. Wir arbeiten daran, unseren Kunden mehr Durchblick zu verschaffen…

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